2. Vorgeschichte der Ordensgründung
und legendäre Ursprünge
Obwohl das Jahr 1099 heute allgemein als Gründungsjahr des Ordens des Hl. Johannes gilt, sind die schriftlichen Quellen zur Frühphase spärlich, was Raum für zahlreiche Legenden bot. Das Spektrum der Überlieferungen reicht von der Konstruktion einer vorchristlichen Kontinuität bis hin zur Annahme einer spontanen Neugründung im Jahr 1099.32
Die heilsgeschichtliche Verankerung
Der französische Historiker Wilhelm von St. Stephan33 überliefert eine Legende, nach welcher der Ursprung des Hospitals in die Zeit des Königs Antiochus und des jüdischen Hohepriesters Melchior zurückreicht. Melchior habe auf göttliche Eingebung hin mit einem Schatz ein Hospiz an jener Stelle errichtet, die später durch die Kreuzigung Christi geheiligt werden sollte. Die Leitung dieser Einrichtung sei später auf Zacharias, den Vater Johannes des Täufers, übergegangen. Sogar ein Besuch Christi selbst sowie die Leitung durch den heiligen Stephanus – als erstem Diakon der Kirche für den karitativen Dienst prädestiniert – sind Teil dieser Erzählung.
Diese Legendenbildung lässt sich im 12. und 13. Jahrhundert verorten. Im Jahr 1291 herrschte in Rom die Überzeugung vor, das Hospital in Jerusalem sei Schauplatz zentraler Ereignisse des Neuen Testaments34 gewesen. Bereits 1260 vermutete ein Hospitalmeister des Ordens des Hl. Johannes, der heilige Stephanus sei einer seiner Amtsvorgänger gewesen35. Wilhelm von St. Stephan stand dieser Authentizität jedoch kritisch gegenüber und vermutete, dass eine etwaige antike Einrichtung spätestens bei der Zerstörung Jerusalems durch Titus untergegangen sei.
Die Makkabäer-Tradition und archäologische Bezüge
Andere Autoren, wie Louis Beurrier, führen die Gründung auf Johannes Hyrkanos I. (reg. 134–104 v. Chr.) aus dem Geschlecht der Makkabäer zurück. Ziel sei der Empfang von Pilgern am Tempel Salomos gewesen. Diese These stützt sich auf die Erwähnung des Hyrkanus in 2 Makk 3,11 sowie auf das historisch bezeugte „Hyrkanus-Denkmal“, das sich an der Stelle befunden haben soll, an der später die dem Schutzpatron des Ordens des Hl. Johannes geweihte Johanneskirche des Hospitals errichtet wurde.
William Caoursin36 spitzte diese Tradition 1496 weiter zu: Er behauptete,
Judas Makkabäus persönlich habe das Hospital gegründet. In diesem sakralen Raum habe der Apostel Petrus die Primatsgewalt erhalten, dort habe das erste Apostelkonzil stattgefunden und der heilige Stephanus habe Johannes den Täufer zum bleibenden Schutzpatron des Hauses erwählt.
Diese Legenden verdeutlichen den hohen ideellen Wert, den man dem Ort des Hospitals beimaß – er wurde als Zentrum der heilsgeschichtlichen Kontinuität begriffen.
Die spätantiken und frühmittelalterlichen Vorläufer
Neben den rein legendarischen Ursprüngen existieren Berichte über frühe institutionelle Gründungen durch das christliche Kaisertum.
So vertrat der Historiker A. v. Winterfeld37 1859 die Ansicht, dass bereits Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena Krankenhäuser entlang der Pilgerrouten sowie in Jerusalem selbst gestiftet hätten.
Masson38 konkretisiert diese byzantinische Tradition und verortet die „Geburtsstätte“ des späteren Ordens des Hl. Johannes in jenem Hospital, das Kaiser Justinian I. (reg. 527–565) in Jerusalem errichten ließ.
Historisch gesichert ist die Initiative von Papst Gregor dem Großen39 , der Ende des 6. Jahrhunderts den Abt Probus nach Jerusalem entsandte, um dort ein Xenodochium40 zu gründen41.
Nach Breycha-Vauthier de Baillamont umfasste dieser Komplex ein Hospital, ein Hospiz sowie eine der Gottesmutter geweihte Kirche. Zur Unterscheidung von der griechisch-orthodoxen Tradition erhielt sie den Namen St. Maria Latina.42 Diese Einrichtung wurde im Jahr 603 vollendet, jedoch vermutlich bereits 614 im Zuge der persischen Invasion zerstört.
Gegen Ende des 8. Jahrhunderts erfolgte eine Restauration dieser karitativen Infrastruktur durch Karl den Großen43. Mit diplomatischer Erlaubnis des Kalifen Harun al-Raschid erneuerte er die gregorianische Stiftung und unterstellte sie der Jurisdiktion des Benediktinerklosters an der Kirche St. Maria Latina44. Diese Anbindung an die benediktinische Tradition legte den Grundstein für jene hospitalen Strukturen, aus denen später der Orden des Hl. Johannes hervorgehen sollte.
Die Zerstörung von 1009
und die amalfitanische Restauration
Der Mönch Bernhard45 berichtete um 870 von der Existenz der genannten Hospital-Einrichtung. Diese wurde jedoch, zusammen mit der Grabeskirche um 1009 durch den fatimidischen Kalifen al-Hakim zerstört, ungeachtet der Tatsache, dass seine Mutter dem christlichen Glauben angehörte.
Nach zähen Verhandlungen mit dem Kalifen az-Zahir (reg. 1021–1036) gelang es Kaufleuten aus Amalfi unter der Führung von Mauro di Pantaleone46, im Jahr 1023, die Erlaubnis zum Wiederaufbau zu erwirken. Die Arbeiten, die unter Kalif al-Mustansir vollendet wurden, führten zur Etablierung dreier separater Einrichtungen:
Den Wiederaufbau der Benediktinerabtei St. Maria Latina.
Ein Hospiz für weibliche Pilger, geweiht der Heiligen Maria Magdalena.

Ein Hospiz für männliche Pilger,
dessen Kapelle ursprünglich
Johannes dem Almosengeber47
geweiht war, spätestens jedoch bis 1113
das Patrozinium des
Hl. Johannes des Täufers48 erhielt.
Die Leitung dieser Hospize oblag Rektoren, die entweder selbst Benediktiner waren, jedenfalls aber eng mit dem Benediktinerorden verbunden waren.
Historische Quellen nennen einen Magister Anzelinus49 und später einen
Vorsteher Geraldus50 (Bruder Gerhard) als Leiter des Johannes-Hospizes.
Das Hospiz St. Maria Magdalena soll von einer edlen Römerin namens Agnes geleitet worden sein51. Wahrscheinlich war das Hospiz dem Benediktinerinnenkonvent von St. Maria Major52 angeschlossen.
Archäologische Befunde54 bestätigen die Existenz dieser frühen Dreifachanlage.
Methodische Einordnung der Kontinuität
Es wäre vermessen, im Interesse einer lückenlosen Ordenshistorie eine direkte institutionelle Kontinuität zwischen den gregorianischen, karolingischen und den amalfitanischen Gründungen zu behaupten. Die Umwälzungen im 7. und 11. Jahrhundert machen eine durchgehende Linie unwahrscheinlich. Dennoch belegen diese Initiativen das konstante Bedürfnis des christlichen Abendlandes nach einer hospitalen Infrastruktur. Diese Beständigkeit wird durch archäologische Befunde im Muristan-Viertel untermauert. Grabungen, basierend auf den Plänen von Conrad Schick und weitergeführt durch das Deutsche Evangelische Institut (DEI), identifizierten Fundamente von St. Maria Latina und den Hospitälern. Diese bauliche Evidenz stützt die Berichte über die spezialisierte Dreifachanlage und schlägt die Brücke zur nachhaltigsten Form dieser Tradition: dem
Orden des Hl. Johannes .

Lageplan des Hospitals des Hl. Johannes (im grünen Viereck). Bild55
1BExkurs: Santa Maria LatinaHeute: Die (evangelische) Erlöserkirche die Kirche des Hl. Johannes des Täufers Die Wiege des Ordens Das Siegel von Santa Maria Latina
Der rot eingerahmte Bereich wird heute von der Grabeskirche bedeckt. ❶ Golgatha, der Ort, an dem Jesus Christus am Kreuz starb. ❷ Das Heilige Grab, der Ort,
❸ Das Hyrkanus-Denkmal, der Ort,
❹ Der Ort, an dem sich St. Maria Latina befand, heute die Erlöserkirche. ❺ Der Ort, an dem sich das Hospital von Jerusalem befand. Die Grabeskirche und der Muristan heute
Hochinteressante 3D-Rekonstruktionen des Muristan-Viertels finden sich bei: Heinzelmann, Dorothee / Heinzelmann, Michael / Krüger, Jürgen / Wacker, Marc: Den o.g. Forschungsergebnissen zufolge müsste das Hospitalareal so ausgesehen haben59:
Die Kirche Santa Maria Latina63 (Heute die evangelische Erlöserkirche)
Der Muristan Das Gelände des ehemaligen Hospitals heißt „Muristan“.
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Die Emanzipation des Hospitals unter dem Seligen Gerhard
Nach der Einnahme Jerusalems am 15. Juli 1099 – dem Kulminationspunkt des Ersten Kreuzzugs – fanden Gottfried von Bouillon und seine Mitstreiter das Hospital bereits in vollem Betrieb vor. Die dort praktizierte umfassende Pflege der verwundeten Kreuzfahrer beeindruckte Gottfried so nachhaltig, dass er der Bruderschaft großzügige Schenkungen übertrug84. Diese Dotationen legten den finanziellen Grundstein für die institutionelle Unabhängigkeit. In der Folge löste Gerhard die Verbindung zur Mutterabtei St. Maria Latina, um das Hospital auf eigenständigen Wegen zu führen. Tatsächlich sind bereits für das Jahr 1099 separate Schenkungen an das dem Kloster benachbarte Hospital urkundlich belegt.
Gottfried von Bouillon, seit 1076 Herzog von Niederlothringen, war einer der Hauptanführer des Ersten Kreuzzugs. Er befehligte jene Truppen, die im Jahr 1099 siegreich in Jerusalem einmarschierten. Obgleich man ihm die Königskrone anbot, lehnte er den Titel ab und entschied sich stattdessen, als „Fürsprecher des Heiligen Grabes“ (Advocatus Sancti Sepulchri) zu amtieren. Er verstarb jedoch bereits nach einer nur einjährigen Regierungszeit.85
Miniatur aus dem Buch "Chronik von Geoffroy de Bouillon"86 (Cod.Reg.Lat.737)
„Die Belagerung von Jerusalem während des Ersten Kreuzzugs“ Briefmarke des Malteserordens87
Das französische Kontingent der Kreuzfahrer wählte Gottfried 1096 zu ihrem Anführer88.
Das Hospitale Iherusalem auf historischen Stadtplänen
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Der „St. Omar-Plan“ von Jerusalem aus dem 13. Jahrhundert


















































