Der Selige Gerhard und seine „Unvergängliche Bruderschaft“

Einleitung: Das Erbe des Ordens des Hl. Johannes

In den Annalen der Kirchengeschichte finden sich zahlreiche religiöse Ritterorden – bedeutende und ephemere, frühe Gründungen und moderne Institute, noch heute aktive Gemeinschaften und solche, deren Glanz nur noch in Archiven fortlebt. Von allen diesen Institutionen zeugt keine eindrucksvoller von ihrer Geschichte als der älteste religiöse Ritterorden der Christenheit: der Orden des Hl. Johannes .

Seine offizielle Titulatur lautet „Souveräner Ritter- und Hospital-Orden des Hl. Johannes von Jerusalem, von Rhodos und von Malta“. Im Wandel der Jahrhunderte entstanden verschiedene Kurzbezeichnungen wie Hospitaliter, Rhodiser, Johanniter oder Malteser. Bis zur Reformation wurden diese Namen synonym für die gesamte Gemeinschaft verwendet. Heute bezeichnet sich der katholische Stamm des Ordens üblicherweise als Malteserorden, während der 1852 wiederbegründete evangelische Zweig den Namen Johanniterorden trägt. In Großbritannien führt zudem der 1831 unter der Krone entstandene „Most Venerable Order of St. John“ die Tradition fort.

Die Geschichte, die hier entfaltet wird, wurzelt jedoch in einer Zeit, die mehr als sechs Jahrhunderte vor der Reformation liegt. Um Verwechslungen mit späteren Gründungen oder Abspaltungen zu vermeiden, verwende ich konsequent den ursprünglichen Namen: Orden des Hl. Johannes . Damit ist explizit der römisch-katholische Stammorden gemeint, der in der Kirchengeschichte meist als „Johanniterorden“ bekannt ist.

Der Orden des Hl. Johannes nahm eine Schlüsselrolle in der Geschichte der religiösen Orden sowie in der Weltpolitik ein. Hervorgegangen aus der „Bruderschaft des Hospitals zu Jerusalem“, entwickelte er sich zu einem religiösen Orden und ab 1135 zu einem geistlichen Ritterorden. Als völkerrechtliches Subjekt behauptete er seine Souveränität2 auch nach dem Verlust seiner Territorien. Bis heute wirkt er getreu seinem Motto „tuitio fidei et obsequium pauperum“ (Schutz des Glaubens und Dienst an den Bedürftigen)3 sowohl als religiöse Gemeinschaft wie auch als internationale Hilfsorganisation.

Um das Wesen und Wirken dieses Ordens zu verstehen, ist die Kenntnis seiner geistesgeschichtlichen Entwicklung sowie der spirituellen Umstände seiner Gründungsphase unerlässlich. Das vorliegende Buch widmet sich dieser Erforschung. Die historische Untersuchung konzentriert sich dabei auf die erste Epoche des Ordens des Hl. Johannes: von seinen Anfängen bis zum Fall Jerusalems im Jahr 1187.

Im Folgenden werden die historischen Fakten dargelegt, die den Anlass für die Gründung gaben, die Umstände der Entwicklung prägten und die weitreichenden Folgen für die Christenheit begründeten.


Gerhard bei der Krankenpflege | Mattia Preti, Gemälde im Oratorium des Heiligen Johannes des Täufers, St. John's Co-Cathedral, Valletta, um 1680 | © Bild: www.stjohnscocathedral.com