B. Quellen des geistlichen Traditionsgutes
Die verschiedenen Hypothesen zur Entstehung der Regel des Ordens des Hl. Johannes wurden bereits oben kurz erwähnt. Im Gegensatz zu diesen Meinungen behauptet Truszczynski464, dass die von Gerhard, dem Gründer des Ordens, erlassene Ordensregel eine dem Benediktinerorden folgende Regel gewesen sei. Diese Annahme ist plausibel, da das Hospital ohnehin schon vor 1099 zum Benediktinerkloster St. Maria Latina gehörte. Andere Autoren meinen, Gerhard oder Raimund hätten die Augustinerregel übernommen. Unter Bezugnahme auf die oben untermauerte Hypothese der Unabhängigkeit der Regel des Ordens des Hl. Johannes, da Papst Lucius III. beide Regeln miteinander vergleicht und die Regel des Ordens des Hl. Johannes Teile der Augustinerregel wörtlich enthält, kann diese Hypothese im Folgenden erläutert und untermauert werden:
Zur Erklärung der Hypothese werden die Elemente der Regel des Ordens des Hl. Johannes465 herangezogen, die mit der Benediktsregel466 oder der Augustinusregel467 oder mit beiden gemeinsam sind.

Die älteste Handschrift der Regel des Ordens des Hl. Johannes468
Das folgende Schema zeigt kurz
die inhaltlichen Parallelen der verglichenen Regeln:
| Nr. | Thema | ![]() Regel des Ordens des Hl. Johannes |
![]() Regel des Hl. Augustinus |
![]() Regel des Hl. Benedikt |
|---|---|---|---|---|
| 1 | kein Eigentum | I, 2 ; XIII, 1 | I, 4 | XXXIII, 6; LV, 17 |
| 2 | Gehorsam | I, 2 | II, 44 | V |
| 3 | Orden sorgt für Nahrung und Kleidung | II, 1 | I, 4 | |
| 4 | einfache Kleidung | II, 2 | IV, 19 | LV, 7 |
| 5 | Auslandsreisen nur zu zweit oder zu dritt, Begleitung durch Vorgesetzten bestimmt | IV, 1 f. | V, 36 | |
| 6 | Brüder sind Tempel / Wohnstätte Gottes | IV, 7 | I, 9; IV, 24 | |
| 7 | unauffälliges Verhalten | IV, 4 | IV, 19 | |
| 8 | allgemeines Verhalten | IV, 4 | IV, 20 f. | |
| 9 | Kontakt mit Frauen | IV, 5 f. | IV, 24 | |
| 10 | Licht in der Nacht | VII, 3 | XXII, 4 | |
| 11 | Fasten, außer bei Krankheit | VIII, 2 | III, 14 | |
| 12 | angezogen schlafen | VIII, 3 | XXII, 5 | |
| 13 | Strafe für Sünden mit Frauen oder Unzucht | IX | IV, 29 | |
| 14 | Strafe für schwere Vergehen | IX | XXV | |
| 15 | Genugtuung der Vertriebenen | IX, 4 f. | XLIV | |
| 16 | Streit unter Brüdern | X, 1 f. | VI, 41 f. | LXX |
| 17 | Rücknahme entflohener Brüder | X, 3 f. | XXIX | |
| 18 | Stille am Tisch | XI, 1 | III, 15 | XLII, 8 |
| 19 | brüderliche Korrektur | XII, 1 XVII |
IV, 25 | XXIII; XXVIII; LXX |
| 20 | Denunziation gegenüber Vorgesetzten | XII, 1 XVII, 4 |
IV, 26 | XLVI, 4 |
| 21 | Empfang der Kranken / Gäste | XVI | LIII | |
| 22 | sich zuerst geistig, dann körperlich um die Kranken/Gäste kümmern | XVI, 2 f. | LIII, 4+8 |
Das obige Schema verdeutlicht den engen inhaltlichen Zusammenhang der Regeln. Dies mag einerseits daran liegen, dass alle drei Regeln für Ordensleute geschrieben sind. Bestimmte Elemente finden sich daher in jeder Regel wieder. Dies trifft sicherlich auf die Themen Armut, einfache Kleidung, Gehorsam und Schweigen zu. Doch gibt es Parallelen in einzelnen Regelungen und Aussagen, die auf eine engere Abhängigkeit schließen lassen. Steidle469 beschäftigt sich mit dem Einfluss der Augustinusregel auf die Benediktsregel. Er bezeichnet die oben zitierten Paragrafen XXXIII,6; XLII,8 und XLVI,4 als augustinische Teile der Benediktsregel. Was die Abhängigkeit der Regel des Ordens des Hl. Johannes von der Augustinusregel betrifft, so finden wir sogar eine wörtliche Entsprechung470 in Kapitel 4 der Regel Raimunds:
| Regel des Ordens des Hl. Johannes IV, 1-5.7 |
Regel des Hl. Augustinus V, 36 |
|---|---|
| (1) "Iterum cum ierint fratres per civitates et castella, non eant soli sed duo vel tres, | Nec eant ad balneas, sive quocumque ire necesse fuerit, minus quam duo vel tres. |
| (2) nec cum quibus voluerint, sed cum quibus magister iusserit ire debent, | Ne qui habent aliquo eundi necessitatem, cum quibus ipse voluerit, sed cum quibus praepositus iusserit, ire debebit. |
| (3) et cum venerint quo voluerint, simul stent | (IV,20) cum veneritis quo itis, simul state. |
| (4) in incessu; in habitu et in omnibus motibus eorum nichil fiat, quod cuiusquam offendat aspectum, sed quod suam deceat sanctitatem. | (IV,21) In incessu, in statu, (in habitu) in omnibus motibus vestris nihil fiat quod cuiusquam offendat aspectum, sed quod vestram decet sanctitatem. |
| (5) Quando etiam fuerint in domo aut in ecclesia, vel ubicumque femine sint invicem, suam pudicitiam custodiant ... | (IV,24) Quando ergo simul estis in ecclesia et ubicumque et feminae sunt, invicem vestram pudicitiam custodite; |
| (7) Deus enim, qui habitat in sanctis, isto modo custodiat eos, amen. | Deus enim, qui habitat in vobis, etiam isto modo vos custodiet ex vobis. |
Ambraziejute lässt Abhängigkeiten nur bei wörtlicher Entsprechung zu471. Dies ist möglicherweise zu kurz gegriffen, denn über die wörtliche Entsprechung hinaus gibt es enge inhaltliche und thematische Parallelen sowohl zur Regel des Heiligen Augustinus als auch zu der des Heiligen Benedikt. Besonders dort, wo es um eine besondere Regelung geht, etwa um Licht im Schlafsaal472 oder das bekleidete Liegen, liegt eine Abhängigkeit nahe. In einem grundlegenden Punkt der Spiritualität des Ordens des Hl. Johannes besteht eine Parallele zur Benediktsregel: In Kapitel LXIII,13 bestimmt Benedikt, dass der Abt „Herr“ und „Abt“ zu nennen sei, „weil wir glauben, dass er die Stelle Christi einnimmt“. Welch ein minimaler Unterschied zur dominus-Prädikation der Kranken, die im Orden des Hl. Johannes „Arme Christi473“, „heilige Arme474“ genannt werden, weil er in ihnen den Herrn sieht!
Wenn dieser Geraldus, den Wilhelm von Tyrus nach 1048 als Leiter des zum Kloster St. Maria Latina gehörenden Zweighospizes des Ordens des Hl. Johannes bezeichnet475, mit jenem Gerhard identisch ist, der 1099 den Orden des Hl. Johannes gründete, und wenn man weiter annimmt, dass der erstgenannte Geraldus Benediktinermönch war und vom Abt von St. Maria Latina mit der Leitung des Hospitals betraut wurde, dann liegt die Aufnahme benediktinischer Elemente in die Regel des Ordens des Hl. Johannes nahe. Eine direkte Übernahme der Benediktsregel war im Hinblick auf Gerhards Ziele nicht möglich, da die Benediktsregel für seine Gründung zu eng gefasst war. Was läge näher, als aus der Benediktsregel die passenden Elemente herauszupicken, Elemente aus der allgemeiner gefassten Augustinusregel sowie eigene Ideen und Ideale hinzuzufügen und all diese Zutaten zu einer neuen Regel zu verschmelzen, die Gerhards Nachfolger Raimund du Puy als Regel des Ordens des Hl. Johannes schriftlich festhielt? Der starke Einfluss der Augustiner, der in Raimunds Regel spürbar ist, wird verständlicher, wenn man bedenkt, dass die Augustinerchorherren der Grabeskirche in unmittelbarer Nähe des Hospitals von Jerusalem lebten. Delaville476 leitet aus dem stark augustinischen Charakter der Regel des Ordens des Hl. Johannes sogar ein Unabhängigkeitsstreben vom Benediktinerkloster St. Maria Latina ab.
Bild 477
Ausschnitt aus der von Makarius Tauc geschriebenen Ikone der Muttergottes von Philermos im Geistlichen Zentrum der Malteser in Ehreshoven/Deutschland.
Die Inschrift auf dem Bildausschnitt lautet:
„Beatus Geradus benedictionem impertit noscomio Sancti Joannis Baptistae ab eo ipso conditio“ –
„Der Selige Gerhard segnet das von ihm gegründete Hospital des heiligen Johannes des Täufers.“


